IT-Jobs: Die schwierige Suche nach dem richtigen Arbeitgeber

IT-Jobs: Die schwierige Suche nach dem richtigen Arbeitgeber | Golem Karrierewelt

(Bild: Pexels)

Von Peter Ilgveröffentlicht am

Nur jeder zweite Arbeitnehmer ist mit seinem Arbeitgeber zufrieden. Das ist fatal, weil Unzufriedenheit krank macht. Deshalb sollte die Suche nach dem passenden Job nicht nur dem Zufall überlassen werden.

IT-Profis haben ein Luxusproblem: Sie haben die Qual der Arbeitgeberwahl! Denn wer ins Berufsleben einsteigt oder als Erfahrener wechseln will, muss sich oft zwischen mehreren Angeboten entscheiden. Selbst in Zeiten von Corona - und selbst in Branchen, die aktuell entlassen, wie die Autoindustrie, die dennoch IT-Fachkräfte suchen.

So bündelt etwa Bosch seine Software- und IT-Elektronikkompetenzen in einem Geschäftsbereich mit 17.000 Mitarbeitern, Volkswagen fasst seine Software-Entwicklung in einer eigenständigen Organisation mit bis zu 5.000 IT-Fachkräften zusammen. Beide suchen dafür Personal.

Interessierte IT-Profis stehen nun vor der Frage: Hersteller oder Zulieferer? Wolfsburg oder Stuttgart? Konzern oder Mittelstand? Oder doch beim Arbeitgeber bleiben?

Nur jeder Zweite geht gern zur Arbeit

Den richtigen Arbeitgeber zu finden, ist eine echte Herausforderung. Zunächst muss man wissen, was einem selbst wichtig ist, um im zweiten Schritt ein Unternehmen zu finden, das diese Ansprüche erfüllen kann und will. Bei Falk Krebes hat die Suche 17 Jahre in drei Firmen gedauert. Bei dem 47 Jahre alten Softwareentwickler lag das an Veränderungen im Unternehmen und im Privaten gleichermaßen. Meist muss beides passen, um zufrieden mit dem Arbeitgeber zu sein. "Aktuell bin ich meiner beruflichen Idealvorstellung am nächsten", sagt Krebes.

Seit fünf Jahren ist er nun bei FNT, einem mittelständischen Softwarehaus in Ellwangen. Krebes geht gerne zur Arbeit. Laut einer Befragung von Porsche Consulting, die vom Forsa-Institut 1.001 Interviews führen ließ, ist das hierzulande nur bei jedem zweiten Beschäftigten der Fall.

Einer der wesentlichen Gründe für die Unzufriedenheit sind die Vorgesetzten. Ihretwegen denkt jeder dritte Arbeitnehmer über eine Kündigung nach. Sei es, weil er oder sie zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, zu selten lobt oder wichtige Informationen nicht teilt.

Die Vorgesetzten sind am wichtigsten

Auch Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke, nennt als die häufigsten Ursachen für Unzufriedenheit im Job zwischenmenschliche Probleme wie mangelnde Wertschätzung oder geringe Motivation aufgrund von schlechter Führung. "In technischen Unternehmen sind Führungskräfte oft Logikdenker, denen es am Einfühlungsvermögen mangelt und die nicht psychisch, sondern logisch handeln", sagt Kastner, der Unternehmen hinsichtlich Personal- und Organisationsentwicklung berät und Führungskräfte in ihrem Verhalten coacht.

Gute Führungskräfte können beides. Wenn nicht, führt das zu Konflikten. "Die Beziehung zu Vorgesetzten ist deshalb so wichtig, weil sie die Existenzberechtigung für Mitarbeiter darstellen", sagt Jürgen Hesse, Inhaber des Büros für Berufsstrategie in Berlin, das Bewerbungs- und Karriereberatung anbietet. Somit entscheidet der Chef oder die Chefin über Wohl und Wehe des Schützlings. "Der oder die Vorgesetzte ist die substituierte Ersatzelternfigur, sowohl Mutter als auch Vater, mal streng, mal Versorger", sagt der Psychologe. Vor allem an Vorgesetzten machen Mitarbeiter fest, ob sie beim richtigen oder falschen Arbeitgeber sind.

Aufgrund seiner Erfahrung in der Karriereberatung weiß Hesse, dass im Ranking der Kriterien für einen guten oder schlechten Arbeitgeber nach den Vorgesetzten die Kollegen an zweiter Stelle stehen. Dann folgt die Identifikation mit der Aufgabe und an vierter Stelle erst die Arbeitsbedingungen.

Welche Punkte für einen persönlich besonders wichtig sind, findet man oft erst durch schlechte Erfahrungen im Job heraus. Bei Krebes waren die Identifikation und die Verbindung von Beruf und Privatleben die schwierigsten Probleme.

Krebes hat technische Informatik studiert, dann bei HP in Böblingen im Consulting angefangen. "Mit 30 war ich Teamleiter, durfte Rechnungen bis 50.000 Euro abzeichnen - als ich ging aber nicht mal mehr die Hotelübernachtung eines Mitarbeiters." Dabei leitete er am Ende seiner Beschäftigung eine Abteilung mit 120 festen und ebenso vielen freien Mitarbeitern. Aber: Im Laufe der Jahre hatte sich der US-amerikanische Konzern mit regional autonomen Niederlassungen zu einer zentralisierten Firma ohne lokale Verantwortung entwickelt.

"Als Manager sollte ich Entscheidungen umsetzen, die ich nicht nachvollziehen konnte und tragen wollte", sagt Krebes. Schließlich kamen persönliche Veränderungen und ein Personalabbau bei HP zusammen. Krebes nahm das Angebot einer Abfindung an und wechselte zu einer kleinen Firma mit Sitz in Potsdam, die Near- und Off-Shore Dienstleister für IT-Abteilungen ist.

Auch hier konnte er sich mit seinen Aufgaben nicht ausreichend identifizieren und der Job überstrapazierte das Privatleben. Er war Teil der Geschäftsführung, arbeitete im Homeoffice, war aber häufig auf Dienstreisen im Ausland. "Das war eine hohe Belastung für die Familie und weil es inhaltliche Differenzen gab, habe ich gekündigt."

Wissen, was man braucht

Dass Krebes daraufhin bei FNT landete, war reiner Zufall. "Ein Bekannter hatte mich auf die Firma aufmerksam gemacht." Krebes wusste inzwischen, was er braucht, um im Job zufrieden zu sein - und fand es. "Ich brauche Veränderungen, Routine mag ich nicht. FNT kommt mir mit unterschiedlichen Aufgaben hier sehr entgegen." Krebes erlebt, was er vorher vermisst hat: Er wird ernstgenommen und kann gestalten.

In einem Konzern will er nicht mehr arbeiten. "Die starren Strukturen mit wenig Gestaltungsspielraum in Großunternehmen liegen mir nicht." Sein aktueller Job ist interessant, das Gehalt passet und der Arbeitsweg ist kurz. Durch die Nähe zum Arbeitgeber lassen sich Familie und Beruf deutlich besser vereinbaren als bei großer Distanz. Das war in seinem vorherigen Job wegen der Reisen oft ein Problem.

Wer herausgefunden hat, was er im Job braucht, muss nicht wie Krebes auf den Zufall hoffen, sondern kann sich auch gezielt auf die Suche nach passenden Arbeitgebern machen.

"Und zwar durch ein umgekehrtes Assessmentcenter", erklärt Arbeitspsychologe Kastner. Er berät Unternehmen hinsichtlich Personal- und Organisationsentwicklung und er coacht Führungskräfte in ihrem Verhalten.

In diesem umgekehrten Verfahren stellen Bewerber den Unternehmen Fragen dazu, was ihnen wichtig ist: Gibt es ein Sabbatical in der Firma? Haben Sie auch einen Job für meine Partnerin, wenn wir umziehen? Welche Karrierestufe habe ich in fünf Jahren erreicht? Von den Antworten machen die Bewerber abhängig, ob die Firma in die engere Wahl kommt.

Nach demselben Prinzip arbeiten auch umgekehrte Jobbörsen wie Honeypot oder 4Scotty: IT-Spezialisten geben hier nicht nur ihre Qualifikationen ein, sondern vor allem auch, welche Arbeitsbedingungen sie brauchen. Die passenden Firmen bewerben sich dann bei ihnen.

Eine andere Möglichkeit sind möglichst viele Praktika in Firmen unterschiedlicher Größen, damit man herausfindet, was einem liegt. Allerdings ist mit Praktika irgendwann einmal Schluss.

Merken, wenn man im falschen Job ist

Treffen die Kandidaten dann die richtige Wahl, macht sie die Arbeit persönlich zufrieden. "Die meisten zufriedenen Arbeitnehmer gibt es in inhabergeführten Mittelstandsfirmen, weil die nicht in Gewinnen von Quartalen denken, sondern eine langfristige Zukunftsperspektive bieten und Interesse an einer Bindung zu ihren Mitarbeitern haben", sagt Kastner. Wer die falsche Wahl trifft und in einer Firma landet, die ihn unzufrieden macht, der läuft Gefahr krank zu werden.

"Das kann passieren, wenn die psychischen Gesundmacher fehlen", sagt der Professor. Das sind eine sinnvolle Arbeit mit Handlungsspielraum für den Akteur und - ganz wichtig - eine Wertschätzung des geleisteten. "Krank werden Mitarbeiter von den psychischen Krankmachern", sagt Kastner. So fasst er sinnlose Tätigkeiten und die Angst vor Kontrollverlust zusammen. Beides macht depressiv.

Bleibt die Frage, wie man merkt, dass man in der falschen Firma ist. "Meist zu spät", sagt Kastner. Viele seiner Klienten bedauern, dass sie nicht schon viel früher gekündigt haben. "Man wartet zu lange, weil man auf Veränderung hofft. Das sind die Millionen Menschen, die beruflich resignieren und irgendwann depressiv werden." Wer schon am Sonntagabend Magenschmerzen bekommt, wenn er daran denkt, am Montag wieder zu Arbeit gehen zu müssen, der ist gefährdet. Dasselbe gilt für Menschen, die deshalb schlecht schlafen.

Individuelle Unterstützung zu Themen rund um Job & Karriere gibt Shifoo, der Service von Golem.de - in 1:1-Videosessions für IT-Profis von IT-erfahrenen Coaches und Beratern. 

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