CTO-Coach Stephan Schmidt: "Ich dachte, ich bin in Der Pate geraten!"

CTO-Coach Stephan Schmidt: "Ich dachte, ich bin in Der Pate geraten!" | Golem Karrierewelt

(Bild: privat)

Ein Interview von Maja Hoock veröffentlicht am 

Als Technikchef erlebte Stephan Schmidt konspirative Zettelübergaben und markige Ansagen ("Hier wird scharf geschossen!"). Jetzt teilt er sein Wissen als CTO-Coach.

In einer Interview-Reihe haben wir Technikchefs zu ihrer Arbeit, ihren Einstellungskriterien und Trends befragt. Zum Schluss gibt es noch ein Ein-Antwort-Spiel. Lasst uns im Forum wissen, welche Kandidaten und Fragen ihr euch zusätzlich fürs nächste Interview wünscht. Alle CTO-Interviews der Reihe sind hier zu finden.

Stephan Schmidt hat ein Diplom in Informatik und eine Ausbildung zum Scrum-Master, aber er hat auch Philosophie studiert. Als CTO-Coach unterstützt er heute Chief Technology Officers (CTOs) verschiedener Unternehmen. Unter anderem versucht er, Strukturen in fremden Tech-Teams zu erkennen und ihnen einen Leitfaden an die Hand zu geben, um ihre Ziele besser zu erreichen. Probleme wie verspätete Abgaben lägen zum Beispiel häufig an falschen Erwartungen, wenn etwa mehr gefordert wird, als eigentlich notwendig ist, sagt er.

Auch Planungsfehler erlebt Schmidt häufig in Tech-Unternehmen: "Meist liegt ein 'zu spät' nicht an den Entwicklern, sondern weil Entscheidungsprozesse im Vorfeld zu langsam sind. Man diskutiert sechs Monate über ein neues System und dann ist eine Entwicklung von einem Monat 'zu lang'." Seine Regel: Wenn es nicht genauer geht, die Schätzungen am besten einfach verdoppeln. Nur realistische Schätzungen führten zu erfolgreichen Abschlüssen. "Software-Schätzung ist fraktal, sie wächst, je genauer man hinsieht", sagt Schmidt.

Woran Projekte scheitern und wodurch sie gut laufen, hat Stephan Schmidt jahrelang selbst erlebt: Der 49-jährige Informatiker hat schon mehrere Firmen aufgebaut und war in diversen Unternehmen CTO, zum Beispiel bei brands4friends (Ebay). Anfang der 90er gründete er mit einem Freund das Open-Source-Wiki Snipsnap, dessen Markup-Engine lange Kern von Atlassian Confluence war.

In seinem ersten Job nach dem Studium war Schmidt Head of Development bei dem IT-Systemhaus Prodata. Später wurde er Team Lead bei Immobilienscout24 und begann mit der Berliner Consulting-Firma ÜberCTO, als Interims Manager CTOs zu schulen. Seit rund zwei Jahren arbeitet er als CTO-Coach bei Svese, einer Beratungsagentur, die Stephan Schmidt mit seiner Ehefrau und Eventsofa-Gründerin Stefanie Schmidt führt. Aktuell ist er als Interims-CTO bei der Meditations-App 7Mind tätig. Nebenbei probiert er immer neue Startup-Ideen aus, aktuell mit der Programmiersprache Rust.

Golem.de: Sie waren CTO in den verschiedensten Firmen, verfügen also über ein beachtliches IT-Wissen. Wie sind Sie ursprünglich zu Computern gekommen?

Schmidt: Ende der 70er Jahre habe ich zum ersten Mal ein Computerspiel gespielt. Und weil ich damals als Kind dachte, das kann ich besser, und viele Ideen hatte, habe ich mir in einem Kaufhaus - fast niemand hatte einen Computer - das Programmieren beigebracht und dann Computerspiele programmiert.

Golem.de: Welche Computerspiele haben Sie denn programmiert - und wurden davon welche veröffentlicht?

Schmidt: Mein erstes Spiel war ein Türme von Hanoi mit bei Bedarf automatischer Lösung. Auf den selbst erarbeiteten Algorithmus zur Lösung bin ich immer noch stolz. Ein anderes war eine Variante von Nibbler, aber mit vielen Erweiterungen wie Teleportern. Veröffentlicht wurde leider keines der Spiele, da der Quellcode für Zeitschriften zu lang war und man damals auch keinen Zugang zu Vertrieben hatte. Das Spiel wurde deshalb nur unter Freunden getauscht. Heute mit dem Internet wäre der Vertrieb ein Leichtes.

Golem.de: Und was war Ihr erster Computer?

Schmidt: Mit dem Commodore VIC20 habe ich erstmals programmiert und mein erster eigener war ein Schneider CPC464.

Golem.de: Welches technische Gerät fanden Sie neben diesen beiden Geräten am beeindruckendsten für ihre Zeit?

Schmidt: Am meisten haben mich mein Amiga und später der erste Acorn Archimedes beeindruckt. Besessen hätte ich immer gerne eine SGI - alle Versuche auf der Cebit eine zu erstehen, sind aber leider fehlgeschlagen.

Golem.de: Mit welchen Technologien und Tech Stacks haben Sie Erfahrung?

Schmidt: Angefangen habe ich mit Basic und Logo, dann 6502, Z80 und 68000er Maschinensprache, Ende der 80er Turbo Pascal und Modula-2. In den 90ern Internet-Anwendungen in C, Perl, Python, Delphi und Java, später Ruby - mit Lisp zwischendrin. In neuerer Zeit dann sehr viel Scala und Javascript, Typescript mit Jquery, React, Vue, Node und NestJS. Neuerdings auch Go und Rust. Ich schätze, dass ich mit mehr als zehn Programmiersprachen Geld verdient habe.

Golem.de: In welcher Sprache programmieren Sie am liebsten und warum?

Schmidt: Die letzten Sachen habe ich in Typescript und Rust programmiert. Back to the Roots habe ich wieder mit Z80 Assembler angefangen und gelernt, wie viel Fortschritt wir in den letzten 40 Jahren gemacht haben. Assembler macht schon sehr viel Spaß.

Golem.de: Ihr Karriereweg hat sich offenbar relativ früh bei Ihnen abgezeichnet. Wie sind Sie schließlich CTO geworden?

Schmidt: Während meines Informatik-Studiums Anfang der 90er habe ich in einem Startup als Programmierer für Internet-Anwendungen angefangen. Da ich einer der ersten in der Branche war, bin ich schnell Manager geworden. Nach der Gründung eines eigenen Startups als CTO und Abschluss des Studiums war ich mehrere Jahre lang Berater für Software-Architektur und Software-Prozesse.

Als Bonus konnte ich mich in Wien zum Scrum-Master ausbilden lassen. Im Anschluss habe ich einem Internet-Unternehmen als Manager geholfen, Scrum einzuführen. Über ein Startup, in dem ich CTO wurde, um die Webanwendung zu retten, wurde ich durch seinen Exit zum CTO einer Ebay-Tochter. Dann war ich noch ein paar Jahre CTO im Startup meiner Frau, bis sie es erfolgreich verkauft hat.

Golem.de: Wie wird man eigentlich CTO? Ist es Zufall, technisches Können, Netzwerken, Führungsqualität, Selbstdarstellung oder eine Mischung aus allem?

Schmidt: Ich konnte immer die richtigen Dinge, die Firmen gebraucht haben, wie Internet-Entwicklung in den 90ern, Scrum Anfang 2000 und später Skalierung von Webanwendungen, zumeist, als es sehr wenige sonst konnten. Vieles war Zufall. Aber ich wollte auch immer CTO werden und habe ab einem bestimmten Zeitpunkt keine anderen Jobangebote mehr angenommen.

Stephan Schmidt hat sich immer einen Coach als CTO gewünscht. Jetzt ist er ein Coach, der CTOs berät. (Bild: privat)

Stephan Schmidt hat sich immer einen Coach als CTO gewünscht. Jetzt ist er ein Coach, der CTOs berät. (Bild: privat)

Golem.de: War es dann so, wie Sie es sich vorgestellt haben? Was ist das Beste, was das Nervigste am CTO-Job?

Schmidt: Nervig ist der Stress, wenn ein Gründer neben einem steht, weil die Webseite nicht geht und die Firma viel Geld verliert. Das Beste am Job ist es, Entwicklern zu helfen, besser zu werden und zu sehen, wie alles wächst. Anstrengend ist es, dass man als CTO niemanden hat, an den man Probleme weiterreichen kann. Man ist in der Technik oben und der CEO hat den CTO eingestellt, um Probleme zu lösen, nicht, um sie an ihn weiterzureichen. Da ist man manchmal mit den Problemen und Entscheidungen einsam.

Golem.de: Warum wurden Sie vom CTO zum CTO-Coach?

Schmidt: Da ich nach 25 Jahren Management glaube, das Meiste als CTO bereits gesehen zu haben, hat mich eine weitere CTO-Stelle nicht interessiert. Ich wünschte mir als CTO immer einen Coach, deshalb mache ich es nun selbst. Außerdem wollte ich anderen helfen, wenigstens nicht alle Fehler zu machen, die ich gemacht habe.

Golem.de: Welche Fehler waren das zum Beispiel?

Schmidt: Wenn ich in ein Unternehmen als Manager eingestiegen bin, habe ich oft zu lange mit Veränderungen gewartet, ich wollte erst das Unternehmen kennenlernen. Ich habe aber gelernt, dass Veränderungen am Anfang viel einfacher sind, als wenn man länger im Unternehmen ist. Wenn man als CTO in einer Firma beginnt, sollte man eine vernünftige technische Due Dilligence, also Prüfung der Sicherheit, des Quellcodes und der Systeme durchführen, und dann sofort mit notwendigen Änderungen beginnen.

Golem.de: Welche Erfahrungen fließen aus Ihrer eigenen ehemaligen Arbeit als CTO in Ihr Coaching ein, wenn Sie bei der Lösung solcher Probleme unterstützen wollen?

Schmidt: Viele. Zuerst meine Erfahrungen mit vielen unterschiedlichen Situationen, auch mit Krisen. Darüber hinaus meine Erfahrungen mit Mitarbeiterentwicklung und One-on-Ones. Vieles davon kann ich im Coaching anwenden. Vor allem aber mein Verständnis für die Situation, in der sich ein CTO befindet, weil ich das selbst alles erlebt habe.

Golem.de: Was war für Sie die kurioseste Erfahrung in Ihrer Karriere?

Schmidt: Als ich bei einem Streit zwischen Shareholdern in einem Aufzug mit einem der Shareholder fuhr und der sagte: "Stephan, hier wird scharf geschossen, und wo scharf geschossen wird, gibt es Tote. Ich würde mich vorsehen." Ich dachte, ich bin in Der Pate geraten. Ein andermal hat mich ein CEO nach Budget-Kürzungen gefragt und sagte dann: "Good, but you need to try harder". Dann hat er eine Zahl auf einen Zettel geschrieben und mir rübergeschoben. Wie in einem schlechten Film.

Golem.de: Welche Fragen werden Ihnen am häufigsten im CTO-Coaching gestellt?

Schmidt: Oft wird die Frage nach der Performance gestellt, fast jedem CEO geht es mit der Produktentwicklung zu langsam. Wie wird man also schneller?

Golem.de: Und was antworten Sie da?

Schmidt: Es ist wichtig, dem CEO zu erklären, wie die Entwicklung arbeitet und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Danach gilt es, sich nicht ablenken zu lassen von der Produktentwicklung. Wenn man nicht aufpasst, arbeiten die Entwickler für viele Abteilungen, aber nicht am Produkt. Fokussiert stellt sich dann auch die richtige Performance für den CEO ein. CTOs sollten sich als Partner des CEO sehen, sollten versuchen, die Business-Seite zu verstehen und als Brücke zwischen Business und Technik zu wirken.

Golem.de: Welche Ängste haben CTOs besonders häufig?

Schmidt: Angst entsteht bei CTOs oft aus dem Druck zu liefern einerseits, und der Angst um die Verfügbarkeit der Systeme andererseits.

Golem.de: Was raten Sie denen, die diese Ängste haben?

Schmidt: Dass Gesundheit vor dem Job kommt. Mentale Gesundheit ist heute glücklicherweise ein Thema, das ernst genommen wird. Ansonsten kann ich aus Erfahrung sagen, dass alle schwierigen Zeiten auch wieder vorbeigehen.

Golem.de: Was macht einen guten CTO aus?

Schmidt: Das hängt sicher von der Firma ab, ob SpaceX oder SaaS-Startup. Bei SpaceX wird man mehr technische Innovationskraft fordern, bei einem SaaS-Startup mehr Geschäftsverständnis und Execution. Aber generell: sich zuerst um die Mitarbeiter zu kümmern.

Golem.de: Was ist das wichtigste, das Sie als CTO-Coach gelernt haben?

Schmidt: Von jedem Coachee kann ich etwas lernen, das ich bewundere und bisher nicht kann. Aktuell sind einige besser als ich darin, Mitarbeiter remote zu managen, da sie es nun seit längerem jeden Tag machen dürfen. Insbesondere von einem konnte ich mir hier viel Praktisches abgucken.

Golem.de: Wie viel Prozent Frauen waren unter den CTOs, die Sie schon gecoacht haben?

Schmidt: Bisher leider keine! Wenn auch manch einer aufschreien mag: Die erste Frau würde ich sogar kostenlos coachen. Ich kenne sehr gute weibliche CTOs, aber es gibt leider trotzdem noch viel zu wenige Frauen in dem Job. In der Vergangenheit habe ich mich immer bemüht, den Frauenanteil zu steigern und Frauen bei ihrer Karriere zu helfen - gerade auch aufgrund meiner positiven Erfahrung mit weiblichen Vorgesetzten oder Teammitgliedern im Top-Management.

Wenn wir nicht auf ein Viertel Entwicklerinnen kommen - wo ich aber positive Trends sehe -, werden wir auch die Anzahl weiblicher CTOs nicht steigern können. Ich denke, als Industrie haben wir ein strukturelles und systematisches Problem, ein Image und eine Kultur, die junge Männer bevorzugt.

Golem.de: Gibt es generell kulturelle Eigenheiten, die besonders für den deutschen IT-Markt gelten?

Schmidt: In Deutschland wird viel Wert auf die perfekte, langfristige und durchdachte Lösung gelegt. Das ist in manchen Bereichen ein Wettbewerbsvorteil und in manchen ein Nachteil. Es gilt mehr Spontanität und schnelle Lösungen in den Bereichen zu lernen, wo dies ein Erfolgsfaktor ist.

Golem.de: Welche Unterschiede gibt es bei der Arbeit in Deutschland im Vergleich mit den USA?

Schmidt: Amerikaner sind viel positiver. Wird etwas Neues angegangen, gibt es viel positive Energie und Zustimmung. In Deutschland werden im IT-Bereich immer zuerst die Bedenken geäußert. Ich versuche allen beizubringen, mit den Bedenken etwas zu warten. Es gibt eine Zeit für positive, kreative Projektstimmung und es gibt eine Zeit für Bedenken. In einem großen Projekt war ich mir einmal nicht mit einem amerikanischen Projektmanager einig. Er fand, gute Stimmung führt zum Projekterfolg. Ich fand, Projekterfolg führt zu guter Stimmung.

Golem.de: Sind die relativ strengen Datenschutzgesetze der EU eher ein Fluch oder ein Segen für die IT-Unternehmen, die Sie beraten?

Schmidt: Privat bin ich sehr für mehr Datenschutz. Für IT-Unternehmen stellt die DSGVO eine Herausforderung dar. In der Tech-Abteilung fällt dafür etwas mehr Arbeit an, wenn man die initialen Arbeiten erledigt hat. Für Marketingabteilungen dagegen ist die DSGVO oftmals eine Kulturänderung. Besonders kleine Unternehmen und Startups leiden sehr unter der DSGVO. Wenn man nur wenige Mitarbeiter hat, ist der Aufwand, alles richtig zu machen, kaum zu stemmen. Denn der DSGVO-Aufwand für fünf und für fünf Millionen Kunden ist der gleiche.

Golem.de: Wie ist der Kenntnisstand in Deutschland unter CTOs und in der IT im internationalen Vergleich?

Schmidt: Der Ausbildungsstand ist gut, auch wenn uns ganz klar Firmen wie Facebook, Amazon, Google oder Ebay in Deutschland fehlen. Dort gibt es mehr Erfahrung mit technischem Management. Und es gibt leider in Deutschland viel zu wenig erfahrene Tech Manager.

Golem.de: Und wie sieht es bei IT-Spezialisten generell aus? In welchen Aufgabenfeldern gibt es ein großes Defizit an geeigneten Bewerbern?

Schmidt: Am meisten, glaube ich, bei Machine Learning Engineers und Data Engineers, die alles von Data Pipelines bis Life Deployments von ML und ML-Modellen beherrschen. Hier gibt es wenig Kandidaten mit Erfahrung. Ansonsten fehlen auch immer wieder Security-Experten mit Managementerfahrung, die die Sicherheit im Unternehmen managen. Es besteht eine Lücke zwischen IT-Managern auf der einen und Sicherheitstestern mit Pentesting-Erfahrung auf der anderen Seite.

Golem.de: Was ist die wichtigste Bewerbungsfrage für Sie?

Schmidt: Die wichtigste Frage für mich ist: "Worauf sind Sie stolz?" Abgesehen von den konkreten Fragen halte ich 360-Grad-Interviews für wichtig, also ein Interview mit dem zukünftigen Vorgesetzten und den zu führenden Mitarbeitern und Kollegen, mit denen der Kandidat zusammenarbeiten muss.

Golem.de: Auf welche Fähigkeiten sollte ein CTO bei der Mitarbeiterauswahl besonders achten?

Schmidt: Das wichtigste Kriterium für Senior IT-Mitarbeiter ist ein Geschäftsverständnis. Ein CTO ist die Brücke zwischen den Fachabteilungen und der Technik. Dazu muss sie von beidem genug verstehen, um mit beiden Seiten effektiv zu kommunizieren. Außerdem war mein Fokus immer darauf gerichtet, ob der Kandidat Dinge fertigstellen kann, Verantwortung übernimmt, klug und neugierig ist und ob er ins Team passt.

Golem.de: Was ist für Sie ein K.O.-Kriterium?

Schmidt: Praktisch alle Mitarbeiter, von denen ich mich trennen musste, haben nicht ins Team gepasst, was dann meine Schuld war und nicht die des Mitarbeiters. Wegen technischer Lücken musste ich mich bisher von niemandem trennen.

Golem.de: Würden Sie als CTO eher eine Koryphäe mit Defiziten bei den Soft Skills im Team akzeptieren, oder umgekehrt?

Schmidt: Beides. Ich würde immer sehen, welche der Defizite ich ausgleichen oder beseitigen kann, zum Beispiel durch Coaching und Mentoring. Mitarbeiter ohne Soft Skills würde ich aber nicht in Managementpositionen nehmen oder in Positionen, in denen sie viel mit anderen Bereichen zu tun haben. Im Ansatz bevorzuge ich es, herausragende Mitarbeiter einzustellen und dann die Rolle danach zu bauen.

Golem.de: Was haben Sie beobachtet: Zählt die Ausbildung wie ein Informatik-Master heutzutage mehr, um einen gut bezahlten Job zu bekommen oder sehen Sie auch viele Quereinsteiger und Programmierer ohne Master oder sogar Studium in gehobenen Positionen?

Schmidt: Trotz meines Studienabschlusses in Informatik sehe ich nicht auf den Studienabschluss eines Bewerbers, sondern auf seine Skills. Ich könnte nicht einmal sagen, wer meiner Mitarbeiter studiert hat. Und immer mehr Unternehmen wie EY geben mir recht. In traditionellen Unternehmen mit traditionellen Personalprozessen dominiert aber der Studienabschluss als Einstellungskriterium.

Golem.de: Neben Geld - was ist es nach Ihrer Erfahrung das, was IT-Mitarbeiter von ihrem Arbeitsplatz und Arbeitgeber am meisten erwarten?

Schmidt: Eine Perspektive. Ein Mitarbeiter, der sich in fünf Jahren im Unternehmen sieht, bleibt der Firma erhalten. Mitarbeiter ohne Perspektive wechseln den Arbeitgeber.

Golem.de: Wie sollten CTOs die Gehälter des Tech-Teams messen?

Schmidt: Am besten transparent, basierend auf offenen Metriken wie Erfahrung und Verantwortung.

Golem.de: Wie führen gute CTOs ihr Team? Ist es sinnvoll, streng hierarchisch zu sein, OKRs zu nutzen, Scrum oder andere Organisationssysteme zu verwenden?

Schmidt: OKRs und Scrum sind wie ein Hammer zuallererst ein Werkzeug und nicht Selbstzweck. Werkzeuge sind dazu da, eine Lösung zu implementieren, stellen aber selbst keine Lösung dar. Hier sehe ich immer wieder Fehler, sowohl bei OKRs als auch bei Scrum. OKRs mit den falschen Key Results führen zu nichts. OKRs ohne Einbeziehung der Mitarbeiter werden wenig erfolgreich sein.

Es gilt zuerst zu klären, was ich als Firma und als Manager möchte - und was das Team möchte. Dann kann man sowohl OKRs als auch Scrum sinnvoll einsetzen. Mein wichtigster Grundsatz der Führung ist, Vorbild zu sein und die Richtung festzulegen. Wie dann jeder ans Ziel kommt, wissen die Mitarbeiter selbst am besten. Führung ist für mich wie ein Klassenausflug, hinten ein bisschen motivieren, vorne die Richtung vorgeben und dafür sorgen, dass sich alle aufs Grillen freuen und ankommen.

Golem.de: Wie sollten gute CTOs mit einem Entwicklungsteam und Projektmanager umgehen, die nicht gut zusammenarbeiten?

Schmidt: Zuhören, zuhören, zuhören und reden, reden, reden. Standpunkte und Sichtweisen der Betroffenen erklären. Nur weil jemand anderer Meinung ist, ist er weder dumm, noch hat er die Sache nicht verstanden.

Golem.de: Wie würden Sie mit einem Team umgehen, das immer zu spät Projekte liefert?

Schmidt: Zuerst würde ich eine Umgebung schaffen, in der man performen kann, also weniger Meetings, weniger Legacy, die richtigen Werkzeuge und weniger Ablenkung. Zum Beispiel habe ich in einer Firma zuerst alle Telefone abgeschafft. Dann würde ich hinterfragen was "zu spät" bedeutet, "zu spät" für wen? Meist liegt ein "zu spät" nicht an den Entwicklern, sondern daran, dass Entscheidungsprozesse im Vorfeld zu langsam sind. Man diskutiert sechs Monate über ein neues System und dann ist eine Entwicklung von einem Monat "zu lang". Wenn alles nichts hilft, verdopple ich die Schätzungen.

Golem.de: Mit welchen Tools würden Sie CTOs raten, den Projektfortschritt, die Teamkommunikation und den Code selbst zu messen?

Schmidt: Ehrlich gesagt habe ich den Glauben an die Messung von Code aufgegeben. Ich setze nach wie vor auf Code Reviews und darauf, punktuell immer wieder selbst draufzuschauen.

Golem.de: Woran scheitern nach Ihrer Erfahrung die meisten Projekte?

Schmidt: An unrealistischen Schätzungen und an mangelnder Einbeziehung von Stakeholdern. Software-Schätzung ist fraktal, sie wächst, je genauer man hinsieht.

Golem.de: Wo liegen im Unternehmen die größten Widerstände, wenn etwas geändert werden soll, etwa bei der Einführung einer Software oder bei der Umstellung auf Open Source?

Schmidt: Für viele Firmen ist der größte Widerstand, dass sie keine Veränderung gewohnt sind und auch, dass Veränderungen wie die Umstellung auf Open Source als Einzelevent und nicht als Prozess gesehen werden.

Golem.de: Wer ist der beste CTO, den Sie je getroffen haben und warum?

chmidt: Mein bester Manager war eine COO, die mir unglaublich geholfen hat, mich zu entwickeln. Als CTO hat mich Werner Vogels beeindruckt, als ich ihn einmal treffen durfte. Er ist ein ausgezeichneter CTO, weil er so gut als AWS Evangelist arbeitet.

Golem.de: Welches technische oder rechtliche Problem aus Ihrem Berufsalltag würden sie lösen, wenn Sie einen magischen Wunsch frei hätten?

Schmidt: Ganz banal: Aktuell habe ich immer noch - im Jahr 2021 - Probleme mit dem Ton oder der Kamera in Videokonferenzen. Und 2021 gibt es immer noch UTF-8-Probleme. Vor kurzem habe ich einen Brief ohne Umlaute erhalten. ASCII würde ich gerne wegzaubern. Ansonsten wünsche ich mir Weltfrieden, weil Technik nicht alles ist.

Golem.de: Welche Technologien finden Sie für die nächsten Jahre am spannendsten?

Schmidt: Am spannendsten ist sicherlich AI/ML. Ich habe an der Universität KI studiert, dann aber auf Verteilte Systeme gewechselt, als das Internet nach Deutschland kam, weil ich in KI nichts Spannendes fand. Heute hat sich das komplett gedreht, AI wird auch den Programmierberuf stark verändern, wenn nicht sogar abschaffen.

Golem.de: Wird AI also Programmierer ersetzen?

Schmidt: Ganz weit in der Zukunft wird AI wohl alle Berufe ersetzen. Akuter gefährdet als Programmierer sehe ich Bereiche wie Marketing, Customer Support, LKW- und Taxifahrer sowie Rechtsanwälte. Dort rollt eine riesige Welle auf uns zu, auf die sich die Politik offenbar gar nicht vorbereitet.

Spannend ist es aber auf jeden Fall, wie man Anforderungen aufbereiten müsste, damit eine AI beziehungsweise ein ML-Modell den Code dafür schreibt. Für einfache Fälle werden wir das in den nächsten zehn Jahren sicherlich im produktiven Einsatz sehen, erste verblüffende Experimente gibt es ja bereits. Generell sehe ich Programmierer aber eher am Ende der Liste der Berufe, die durch AI ersetzt werden.

Golem.de: Zum Schluss bitte ich Sie noch um ein paar ganz schnelle Antworten. Denken Sie nicht lange nach, schießen Sie einfach los!

Golem.de: Das beste Fachbuch
Schmidt: Art of Action von Stephen Bungay

Golem.de: Das beste IT-Event
Schmidt: CTO Conference von CTO Craft Con

Golem.de: Der beste Youtube-Channel?
Schmidt: Bauforum24

Golem.de: Worin soll man sich 2021 weiterbilden?
Schmidt: Machine Learning

Golem.de: Sind Sie nach Dienstschluss erreichbar?
Schmidt: Außer für ernsthafte, echte Krisen: nein.

Golem.de: Welcher Passwortmanager?
Schmidt: 1Password im Unternehmen

Golem.de: Was darf auf Ihrem Schreibtisch neben dem Arbeitsgerät nicht fehlen?
Schmidt: Wasserflasche

Golem.de: Viele Spezialisten in Teams oder wenige Allrounder?
Schmidt: Abhängig von der Firmenphase

Golem.de: Lieblingsfigur/Lieblingsfilm aus Star Wars oder Star Trek?
Schmidt: Leia als Bounty Hunter

Golem.de: Erste Programmiersprache
Schmidt: Basic

Golem.de: Liebste Programmiersprache
Schmidt: Scala

Golem.de: Lieblings-Open-Source-Software?
Schmidt: Linux, seit der Zeit, als man boot.tgz und root.tgz brauchte und es noch kein Slackware gab.

Golem.de: Kubernetes oder Openstack?
Schmidt: Realistisch: Kubernetes

Golem.de: Android oder iOS?
Schmidt: Aktuell Android

Golem.de: Clickpad oder Trackpoint?
Schmidt: Clickpad

Golem.de: Windows, MacOS oder Linux?
Schmidt: Egal

Golem.de: Tabs oder Spaces?
Schmidt: Spaces

Golem.de: Viel ausprobieren oder Never change a running System?
Schmidt: Beides!

Golem.de: Low-code?
Schmidt: Für bestimmte Bereiche wie MVPs optimal.

Golem.de: Sprint
Schmidt: Überbewertet

Golem.de: Agile
Schmidt: Macht niemand

Golem.de: Scrum
Schmidt: Extrem erfolgreich

Golem.de: Waterfall
Schmidt: Unpraktisch

Golem.de: Monolit
Schmidt: Nicht schlimm

Golem.de: Change
Schmidt: Gut

Golem.de: Kubernetes
Schmidt: Überbewertet

Golem.de: Headless
Schmidt: Nutzen

Golem.de: Tecstack
Schmidt: Egal

Golem.de: Standup
Schmidt: Wichtig

Golem.de: Digitalisierung
Schmidt: Zu spät 

 

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