Arbeiten in der Schweiz: Monatlicher Geldregen für IT-Fachkräfte

Arbeiten in der Schweiz: Monatlicher Geldregen für IT-Fachkräfte

(Bild: privat)

Ein Bericht von Peter Ilg veröffentlicht am 

Die Schweiz hat hohe Berge - und hohe Gehälter. Das macht sie für IT-Fachkräfte aus Deutschland attraktiv. Jobs gibt es genügend.

Bis zu einem gewissen Punkt verlief die IT-Laufbahn von Thomas Wacker ziemlich gleichförmig. Er studierte Technomathematik, eine Kombination aus Mathematik und Informatik, und arbeitete einige Jahre bei verschiedenen Computerfirmen, spezialisiert auf Netzwerktechnologie. 2001 lernte er dann, als Freiberufler, auf einer Tagung einen Personaldienstleister aus Zürich kennen - der Beginn einer großen Veränderung im Leben von Thomas Wacker.

Denn Monate später meldete sich der Personaldienstleister bei ihm. Es gebe da ein Projekt in der Schweiz, in Bern, Start 2005. Der Auftrag war erst auf ein halbes Jahr befristet, wurde danach um ein Jahr verlängert. Wacker suchte eine möblierte Unterkunft und holte seine Familie nach. Zu der Zeit erwartete seine Frau ihr zweites Kind.

Dann kam, was bei Freiberuflern nicht selten vorkommt: Sein Auftraggeber bot Wacker eine Festanstellung an. "Internalisierung" sagen die Schweizer dazu. "Wir haben einige Wochen überlegt und uns für einen Umzug mit allen Konsequenzen in die Schweiz entschieden." Das heißt: Die Wohnung in Leipzig aufgelöst, die Frau hat ihren Job gekündigt und die ältere Tochter wurde in der Schweiz eingeschult. "Hier hat vieles sehr gut gepasst: das Land, die Landschaft, der Job."

Das war vor ungefähr 15 Jahren. Nach dem Umzug arbeitete Wacker lange bei einem Schweizer Telekommunikationsunternehmen, seit etwa zwei Jahren ist er an der Universität Zürich Teamleiter für Server, Storage und Backup. "Eine neue Stelle zu finden war leicht, denn IT-Fachleute sind hier sehr gesucht." Die Situation ist vergleichbar mit Deutschland.

IT-Fachkräfte heißen in der Schweiz ICT-Fachkräfte. Die drei Buchstaben sind die Abkürzung der englischen Übersetzung von Informations- und Kommunikationstechnologien: Information and Communications Technologies. Christian Hunziker, Geschäftsführer von Swiss ICT schätzt, dass es in der Schweiz etwa 300.000 IT-Fachkräfte gibt.

Swiss ICT ist der größte Fachverband der IT-Branche, ähnlich wie der Bitkom in Deutschland. "Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in der Schweiz viele Informatiker aus Deutschland arbeiten und sie bei uns sehr geschätzt sind", sagt Hunziker. Es sind Menschen wie Wacker, die ins Land ziehen oder Grenzgänger, also Deutsche, die meist in der Bodenseeregion wohnen und über die Grenze zur Arbeit pendeln. Laut Schweizer Bundesamt für Statistik tun das etwa 60.000 Deutsche täglich. Wieder andere arbeiten für Schweizer Firmen von Deutschland aus. Doch sie profitieren nicht von den höheren Gehältern in der Schweiz, weil sie nach deutschem Niveau bezahlt werden.

Software-Entwickler verdienen in der Schweiz fast doppelt so viel

Wie viele deutsche IT-Fachkräfte in der Schweiz arbeiten, weiß Hunziker nicht. Dass es aber einen Fachkräftemangel an IT-Experten gibt, davon ist er überzeugt. "Darauf lassen die konstant hohen Löhne schließen", sagt er. Die Einkommen in der ICT-Branche untersucht der Verband jährlich in seiner Swiss ICT-Salärstudie, zuletzt für 2020. Die Studie basiert auf rund 33.500 Einkommensangaben aus 246 Unternehmen und deckt 50 Berufe in den drei Stufen Junior, Professional und Senior ab.

IT-Berater verdienen im Durchschnitt aller drei Stufen 114.265 Schweizer Franken (CHF). Das sind umgerechnet etwa 105.000 Euro und damit gut ein Drittel mehr als IT-Berater in Deutschland bekommen. Laut der IT-Studie 2021 des Vergütungsspezialisten Compensation Partner haben IT-Berater ein durchschnittliches Einkommen von 75.500 Euro.

Bei Software-Entwicklern ist der Unterschied zwischen den Ländern noch größer. In Deutschland liegt das durchschnittliche Einkommen eines Software-Entwicklers bei etwa 67.000 Euro, in der Schweiz sind es mit 111.000 Euro fast doppelt so viel. Weitere Vergleiche mit anderen Tätigkeiten zeigen, dass IT-Fachkräfte in der Schweiz im Durchschnitt rund die Hälfte mehr verdienen als in Deutschland.

Macht sie das auch reicher? Bekanntlich sind die Lebenshaltungskosten in der Schweiz spürbar höher als bei uns. Zehren die hohen Lebenshaltungskosten das höhere Gehalt auf? "Nein", sagt Wacker, "weil die Steuern in der Schweiz wesentlich niedriger sind als in Deutschland."

Da bleibt bei Schweizer IT-Experten tatsächlich mehr hängen als bei ihren deutschen Kollegen. Wacker hat ein Jahresgehalt von umgerechnet rund 137.000 Euro. Die Einkommen im öffentlichen Sektor werden in der Schweiz wie auch in Deutschland in Tabellen veröffentlicht.

Der monatliche Geldregen ist ein Grund für Wacker, dass er in die Schweiz gezogen ist. Ein weiterer Grund sind die besseren Arbeits- und Lebensbedingungen. "In der Schweiz wird eher auf ruhige und besonnene Arbeitsweise Wert gelegt und die Menschen sind verbindlich und verlässlich: Termine werden eingehalten und die meisten kommen gut vorbereitet in Meetings."

Die große Hektik wie in Deutschland gibt es in der Schweiz nicht. Außerdem ist der öffentliche Personennahverkehr sehr gut ausgebaut. "Man kann jeden Ort entspannt und pünktlich erreichen, ohne ein eigenes Auto besitzen zu müssen."

Die Arbeitszeiten, wie Wacker sie erlebt hat, liegen zwischen 40 und 42 Wochenstunden. Mit 25 Tagen Ferien hat er etwas weniger Urlaub als Deutsche, die meist auf 30 Tage kommen. Apropos Urlaub: Schweizer sagen tatsächlich Ferien dazu. Urlaub ist in ihrem Verständnis unbezahlte Freizeit. Insgesamt wertet Wacker die Arbeitsbedingungen in seiner neuen Heimat als "hervorragend".

Eine berufliche Not wegzuziehen, besteht nicht. Ganz im Gegenteil. Die Anzahl der Beschäftigten in den Berufen der Informations- und Kommunikationstechnologie wächst doppelt so schnell wie die Anzahl der Beschäftigten aller Berufe in der Schweiz. Zu dieser Erkenntnis gelangt der Verband ICT-Berufsbildung Schweiz, der alle zwei Jahre den ICT-Fachkräftebedarf für die kommenden acht Jahre erhebt. Die letzte Erhebung stammt aus dem vergangenen Jahr.

Über eine Einbürgerung entscheiden Bund, Kanton - und Nachbarn

Danach werden bis 2028 fast 55.000 zusätzliche ICT-Stellen geschaffen werden. Weil die Wirtschaft aber mehr ICT-Fachkräfte braucht als dazukommen, entsteht im Jahr 2028 ein voraussichtlicher Fachkräftemangel von rund 36.000 ICT-Spezialisten. Um diese Lücke zu schließen, sollen mehr Frauen ICT-Berufe ergreifen. Das kennen wir aus Deutschland. Etwa 70 Prozent des zusätzlichen Bedarfs soll der eigene Nachwuchs und die Zuwanderung decken. IT-Fachkräfte auch aus Deutschland sind daher in der Schweiz willkommen.

Wer dort für maximal drei Monate arbeiten möchte, muss sich über das elektronische Meldeverfahren registrieren. Wer länger einer Erwerbstätigkeit nachgehen will, muss eine Aufenthaltsbewilligung beantragen. Dafür ist ein Arbeitsvertrag notwendig. Die Gültigkeitsdauer der Bewilligung hängt von der Dauer des Arbeitsverhältnisses ab, sollte das befristet sein. Die sogenannte Aufenthaltsbewilligung B gilt für einen Zeitraum bis zu fünf Jahren und kann danach verlängert werden. Auch Selbstständige, die nachweisen können, dass sie einer erfolgreichen selbstständigen Erwerbstätigkeit nachgehen, bekommen die Bewilligung B.

Eine Einbürgerung dauert lange und ist ein aufwendiger Prozess, über den zum Abschluss neben dem Bund und dem Kanton auch die Nachbarn abstimmen. Die Familie Wacker ist 2017 nach zwölf Jahren ordentlich eingebürgert worden. "Wir haben die deutsche Staatsbürgerschaft behalten, sind also Doppelbürger, wie es in der Schweiz heißt", sagt Thomas Wacker.

Zurück möchten sie aber nicht mehr. Dafür gefällt es ihnen zu gut in der Schweiz.

 

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