Mädchen und IT: Fehler im System

Mädchen und IT: Fehler im System | Golem Karrierewelt

(Bild: Justin Sullivan/Getty Image)

Von Valerie Lux veröffentlicht am 

Bis zu einem gewissen Alter sind Jungen und Mädchen gleichermaßen an Technik interessiert. Wenn es dann aber um die Berufswahl geht, entscheiden sich immer noch viel mehr junge Männer als Frauen für die IT. Ein wichtiger Grund dafür ist in der Schule zu suchen.

Wenn wir über Frauen in der IT schreiben, tauchen in unserem Forum einige Argumente immer wieder auf. Wir haben uns die häufigsten vorgenommen und hinterfragt: Stimmen sie?

Wenn wir über Frauen in der IT schreiben, tauchen in unserem Forum einige Argumente immer wieder auf. Wir haben uns die häufigsten vorgenommen und hinterfragt: Stimmen sie?

Die Schilderungen der Informatikerin Whitney stammen aus dem Buch Brotopia - Breaking Up the Boys' Club of Silicon Valley der US-Technikjournalistin Emily Chang. Obwohl die Anekdote schon 40 Jahre her ist, ist sie vermutlich auch noch heute aktuell. Nach wie vor liegt der Anteil der Frauen unter IT-Spezialisten in Deutschland bei nur 17 Prozent. Der Verdacht liegt nahe, dass die Strukturen des Boys' Club schon in der Kindheit und Jugendalter angelegt werden. Was passiert in diesem Alter in der Schule?

Urs Lautebach ist zweiter Sprecher des Verbands Informatiklehrerinnen und -lehrer in Baden-Württemberg. Er beobachtet in seinem Unterricht, dass die Technikaffinität bei Jungen und Mädchen vor der Pubertät gleichermaßen vorhanden ist. "Wir erleben in der fünften Klasse einen sehr enthusiastischen und von Hemmungen vollkommen unbelasteten Zugang auch von Mädchen zum Thema Informatik. Etwa ab der siebten Klasse werden geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen auf einmal sehr viel wichtiger, viele Mädchen halten sich dann plötzlich zurück", sagte Lautebach Golem.de.

Die Pädagoginnen Astrid Jakob und Claudia Schneider erklären diese unbewusste Anpassung in der Pubertät mit der Kategorisierung von Wissenschaftsdiziplinen, die Geschlechtern zugeordnet werden. Das Verständnis von Wissenschaften werde in den Vorurteilen von "weichen" Themen widergespiegelt, die als "weiblich" bezeichnet würden, während "harte" Disziplinen als "männlich" wahrgenommen würden, schreiben die beiden Pädagoginnen in ihrem Aufsatz Geschlechtergerechter Zugang zu Technik.

"Technik wird allgemein als 'harte' Wissenschaft bezeichnet, dies spiegelt sich auch in dem androzentrischen Technikbegriff wider, der Technik weitgehend mit Maschinen gleichsetzt und Frauen - aber auch Männer aus nichtokzidentalen Kulturen - für technisch inkompetent erklärt", schreiben die Autorinnen. Sprich: Der Mann agiere als rationale Maschine und interessiere sich deswegen für Technik, die Frau sei das gefühlvolle emotionale Wesen, das sich deswegen nicht für "harte" Wissenschaften erwärmen könne.

Solche Rollenvorstellungen halten sich hartnäckig in den Köpfen pubertierender Jugendlicher (und später Erwachsener). Laut der von Microsoft im Jahr 2017 durchgeführten Studie The When & Why of STEM Gender Gap glaubt fast jedes vierte Mädchen von sich selbst, dass es in MINT-Berufen niemals so gut sein werde wie ein Junge. Auch der Gleichberechtigung im Allgemeinen stehen viele Jugendliche demnach skeptisch gegenüber. Dass die Gleichstellung von Frauen und Männern beruflich und privat konsequent durchgesetzt werden sollte, für diese Haltung kann sich nur ein gutes Drittel der Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren erwärmen.

Das Interesse von Jungen an Technik wird offenbar durch Gaming verstärkt. Bei denjenigen, die zumindest mehrmals wöchentlich an Konsole, PC oder im Internet spielen, komme bei den 12- bis 19-Jährigen auf fünf Spieler nur eine Spielerin, berichtet der Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler. Viele Computerspiele seien explizit auf den Wettbewerb gegeneinander ausgerichtet, eine Spielsituation, die eher Jungen anziehe, meint Jeffrey Wimmer, der die Professur für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienrealität an der Universität Augsburg innehat. "Die Spieleindustrie ist nicht so innovativ, wie sie den Anschein erweckt. Wenn Shooterspiele gut laufen, werden diese eben weiter produziert", sagte Wimmer Golem.de.

In Egoshootern kann man mit Konsolenbefehlen die Waffen justieren, wie beispielsweise das Fadenkreuz bei Counter Strike. Die Befehlseingabe bei dem Spiel ähnelt der Entwicklerumgebung für die Programmierung von zahlreichen Anwendungen. Gerade bei Egoshootern geht es oft um "cheaten", also darum, die Figuren oder Waffen so zu verändern, dass man einen Vorteil gegenüber gegnerischen Teams hat. Dafür müssten die Spieler sich früh mit technischen Begriffen vertraut machen, wissen, wie ein Betriebssystem funktioniere und wie Software verändert oder die Graphikkarte beschleunigt werde, erklärt Wimmer.

Mädchen treffen sich mit Freundinnen, Jungs basteln am Computer

Eine fehlerfreie technische Umgebung für das gemeinsame Spielen ist immer eine wichtige Voraussetzung. Die Verkabelung und die Grundbegriffe einer stabilen Netzwerkverbindung sind für das gemeinsame virtuelle Spiel sehr wichtig, so dass die Grundbegriffe von Hardware jedem Spieler ein Begriff sind. Damit lernen laut dem Spielewissenschaftler Wimmer Jungen einen spielerischen Umgang mit Technik, der den Mädchen fehlt, was sich auch in der geringeren weiblichen Studienanfänger-Quote des Fachs Informatik niederschlagen kann. "Mädchen spielen eher auf dem Tablet und auf dem Smartphone", sagt Wimmer.

Dass sich das Technikinteresse bei Jungen verstärkt, wenn sie in die Pubertät kommen, wie Informatiklehrer Urs Lautebach beobachtet hat, könnte auch einen Gegenpol zum Auf und Ab der Gefühle darstellen. Die Suche nach dem Platz in der Gesellschaft und das Herauskristallisieren der eigenen Identität kann zutiefst verunsichern. Das ruhige Basteln am Computer, an einer Maschine, die keine zwischenmenschliche Interaktion verlangt, kann da einen Ausgleich darstellen. "Der Computer ist für viele junge Männer in der Jugendzeit ein Eskapismus", erklärt Wissenschaftler Wimmer, "der PC hat keine schwierigen Gefühlslagen, mit denen man sich auseinandersetzen muss."

Die Unsicherheit, die junge Männer in dem Alter empfinden, wird also zumindest teilweise in der Maschine sublimiert, während Mädchen Unsicherheiten eher über soziale Aktivitäten kompensieren. Mädchen kommen früher in die Pubertät - und sind in der Zeit, in der Jungs am Computer schrauben, aktiver. Laut dem Statistikdienstleister Statista geben 80 Prozent aller Mädchen an, in ihrer Freizeit am liebsten Freunde zu treffen, eine soziale Aktivität. Zusammengerechnet mehr als die Hälfte der Jungen gab hingegen an, in ihrer Freizeit häufig Computerspiele zu spielen (25 Prozent) und Computer zu nutzen (33 Prozent) - eine Beschäftigung, die bei den Mädchen noch nicht einmal unter den ersten zehn Plätzen in der Statistik auftaucht.

"Aufgrund von rollentypischen Klischees werden Jungen, die sehr viel Zeit vor dem Computer verbringen, auch eher toleriert als das zockende Mädchen, das die Nächte über vor der Kiste sitzt", sagt Wimmer. "Damit verschärft sich das geschlechterabhängige Verhalten, wer wann wie lange mit dem Computer zu tun hat." Multiplayer-Spiele seien zwar auch soziale Tätigkeiten, aber nicht darauf ausgelegt, im persönlichen Kontakt über Gefühle zu reden wie bei Freundinnentreffen von Mädchen.

Ein guter Programmierer? Jemand mit einer "fanatischen Beziehung" zu seinem Computer

Auch das Bild eines Informatikers folgt dem bekannten Stereotyp. Als die US-Psychologieprofessorin Sapna Chang 2013 unter ihren Studenten eine Umfrage machte, welche Eigenschaften ein moderner Computerwissenschaftler habe, war das Ergebnis klar: Gute Programmierer, so meinten die Teilnehmer, besäßen keine sozialen oder andere zwischenmenschlichen Fähigkeiten und hätten eine fanatische Beziehung zu ihrem Computer - eine Beschreibung von Eigenschaften, die typischerweise nicht von Mädchen in ihrem Berufswunsch geäußert werden.

Mädchen geben häufig an, dass ihr Beruf etwas mit Menschen zu tun haben sollte. In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Appinia, die Mädchen und Frauen im Alter von 14 bis 30 Jahren nach ihrem Berufswunsch als Kind befragte, wurden vor allem Ärztin und Lehrerin genannt. Technische Berufe wie Informatikerin waren nicht dabei.

"Dabei ist dieses Stereotyp, dass Informatik nichts mit Menschen zu tun hat, völliger Blödsinn", sagt Ursula Köhler, Sprecherin der Fachgruppe Frauen und Informatik der Gesellschaft für Informatik Golem.de. "Es wäre bitter nötig, Mädchen zu erklären, dass man viel mit Menschen zu tun hat, wenn man im Informatikbereich arbeitet. Die Probleme, die es technisch zu lösen gilt, sind nicht nur technische Probleme, sondern stehen in einem größeren Zusammenhang." Für Köhler ist Informatik eine Hilfsdisziplin, die wie keine andere Branche interdisziplinäre Verständigung benötigt. "Als gute Informatikerin muss man bereit sein, sich auf die Sprache und die Menschen eines anderen Fachgebiets einzulassen. Dieser Aspekt der Kommunikation ist unglaublich wichtig."

Doch trotz durchschnittlich besserer Mathematiknoten ist die Anzahl der Mädchen in Technikfächern gering - in Ingenieurwesen, Informatik und Maschinenbau kommen auf vier Männer eine Frau. In den vergangenen 20 Jahren wurde viel über die Benachteiligung von Jungen in der Schule debattiert. Es hieß, Mädchen würden eher dem braven und fleißigen Typ gerecht, während Jungen mit Lautstärke und Bewegungsdrang eher den Unterricht störten. Weil in die Schulnote auch das Verhalten einfließt, galten sie, entsprechend sanktioniert, lange als Verlierer des Schulsystems. Ob diese Bildungsverlierer-Theorie Bestand hat, darüber sind sich Experten uneinig.

Die Juniorprofessorin Carolin Schuster von der Leuphana Universität Lüneburg ist in ihrem jüngsten veröffentlichten Artikel der Frage nachgegangen, inwiefern sich das Geschlecht noch immer auf die Notengebung auswirkt. Sie hat dazu den aktuellen Stand der Forschung zusammengefasst. Beide Geschlechter werden von den stereotypen Rollenerwartungen in der Schule behindert, ist ihr Fazit: "In stereotyp weiblichen Fächern wie Sprachen bekommen Jungen schlechtere Noten als Mädchen, auch bei gleicher Leistung." Jungen wie Mädchen werden also gleichermaßen benachteiligt, wenn Lehrkräfte das Stereotyp von "männlichen" Naturwissenschaften und der "weiblichen" Sprachwissenschaften unbewusst in ihrem Notenverhalten berücksichtigen. "Insgesamt deuten die Ergebnisse aber darauf hin, dass Mädchen nach wie vor als weniger kompetent in Mathematik eingeschätzt werden", resümiert Schuster.

Da das oft stillere Verhalten von Mädchen mit den Schulregeln konform gehe, bekämen sie aber trotz schlechterer Leistung oft bessere Mathematiknoten als Jungen, schreibt Schuster. Um eine gerechte Notenvergabe zu garantieren, schlägt die Professorin unter anderem vor, Tests anonymisiert schreiben zu lassen, damit weibliche oder männliche Schülernamen keine unbewussten Vorurteile in Lehrkräften auslösen.

Dem weit verbreiteten Vorwurf, dass Jungen im Kindergarten und der Grundschule vom vorwiegend weiblichen Lehrpersonal diskriminiert würden und deswegen schlechtere Noten bekämen, kann Marcel Helbig, Sonderprofessor für Bildung und soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt, nichts abgewinnen. Er hat 2015 in einer Meta-Studie untersucht, ob das Geschlecht des Lehrpersonals mit besseren Noten von Schülern mit dem gleichen Geschlecht korreliert - und keinen Zusammenhang gefunden.

Für die Meta-Studie wurden 42 Studien mit Daten zu 2,4 Millionen Schülerinnen und Schülern aus 41 Ländern aus acht Jahrzehnten herangezogen. "Gleichgeschlechtliche Lehrkräfte haben keinen förderlicheren Einfluss auf die Kompetenzen von Jungen und Mädchen, vergeben keine besseren Noten an gleichgeschlechtliche SchülerInnen und empfehlen diese nicht häufiger auf höhere Schulformen", lautet das Ergebnis der Studie.

Für den schlechteren Notenspiegel von Jungen sieht Helbig eine andere Ursache. "Jungen sind schlicht und ergreifend fauler in der Schule, weil sie durch die vielen männlichen Vorbilder in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft glauben, sie müssten sich nicht mehr anstrengen und es falle ihnen alles in den Schoß. Mädchen hingegen wissen, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, deswegen bemühen sie sich mehr in der Schule und haben deswegen bessere Noten", sagte Helbig Golem.de.

Technikjournalistin Emily Chang hat für ihr Buch Brotopia eine große Anzahl Entwicklerinnen aus dem Silicon Valley gefragt, was aus deren Sicht der Grund für die wenigen weiblichen Angestellten in Tech-Unternehmen ist. Viele Entwicklerinnen erzählten ihr, dass sie sich als einzige Frau inmitten lauter männlicher Programmierer unwohl fühlten. Je mehr weibliche Entwicklerinnen ein Unternehmen hätte, desto mehr weitere Frauen würden sich auf Positionen bewerben, glauben sie.

Das Phänomen hat auch Informatiklehrer Urs Lautebach erkannt. Er beobachtet, dass sich die Mädchen, wenn sie den Leistungskurs Informatik wählen, oftmals absprechen. "Eine Frau alleine möchte nicht im Kurs voller Jungen sitzen. Sie kommen dann entweder gar nicht oder in einer Mädchengruppe." Deswegen plädiert der Sprecher des Verbands für Informatiklehrer für ein Pflichtfach Informatik, das nicht abgewählt werden kann, und hofft dabei auf einen "Mathe-Effekt". Denn für das Studium in Mathematik mit dem vorangegangen Schulpflichtfach Mathe entscheiden sich fast genauso viele Frauen wie Männer.

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