Jobporträt IT-Produktmanager: Der Alleversteher

Jobporträt IT-Produktmanager: Der Alleversteher | Golem Karrierewelt

(Bild: FNT)

Von Peter Ilg veröffentlicht am

 Ein IT-Produktmanager ist vor allem Dolmetscher - zwischen Marketing, IT und anderen. Dabei muss er scheinbar unmöglich vereinbare Interessen zusammenbringen.

Zum Beruf IT-Produktmanager können viele Wege führen. Bei Stefan Siegl war es ein Wirtschaftsinformatikstudium. "Zu Beginn war offen, was ich mit der Ausbildung anfange, gegen Ende war klar, dass ich Produktmanager werde", erzählt der 28-Jährige, der seinen Bachelor und Master in dem Fach gemacht hat. Allrounder zu sein gefällt ihm, und der doppelte Studiengang mit Wirtschaft und Informatik ist eine gute Basis für einen Job, bei dem unterschiedliches Wissen notwendig ist.

Hauptaufgabe eines Produktmanagers ist es, ein Produkt zum Erfolg zu führen. Siegl selbst definiert seine Rolle als "kleiner Geschäftsführer für meine Programme". Er sieht sich als Anwalt seiner Anwendungen, vertritt und verteidigt die Softwareprodukte und sorgt dafür, dass sie Umsatz bringen.

Nach Abschluss seiner Masterarbeit fing Siegl vor fünf Jahren als IT-Produktmanager bei FNT in Ellwangen an. FNT entwickelt und vertreibt Software für das Management von Informations- und Telekommunikationsinfrastrukturen sowie Services für IT, Telekommunikation und Rechenzentren. Über die Hälfte der im DAX30 notierten Konzerne sind Kunden.

Siegl ist Manager für zwei Produktgruppen: Analytics-Produkte und Connectivity-Lösungen. Mit der Connectivity-Lösung wird beispielsweise der Aufbau von WLAN-Netzen eines Unternehmens in dessen IT-Landschaft erfasst. Manche Kunden dokumentieren damit Millionen Teile ihrer IT, vom Router über Kabel bis hin zu Servern.

Produktmanager als Dolmetscher

Falls ein Server ausfällt, zeigt die Software, wo das Gerät steht, wann es gekauft wurde, wie viel es gekostet hat, wie wartungsintensiv es ist und wie häufig Ausfälle sind. "Diese Auswertungen erstellen wir mit den Analytics-Produkten",, sagt Siegl. "Ähnlich einer Excel-Datei mit ganz vielen Positionen" erklärt er ein komplexes Produkt kurz und knapp.

Er kann aber auch die Eigenschaften seiner Produkte einem IT-Spezialisten ausführlich und technisch im Detail erklären. "Kommunikation ist eine meiner wichtigsten Aufgaben und in der bin ich oft Dolmetscher zwischen Experten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten intern und extern", sagt Siegl.

Siegl spricht mit der Geschäftsführung, mit dem Vertrieb, mit den Kundenbetreuern und dem Support. Ist ein Produkt nicht erfolgreich, fragt zunächst die Geschäftsführung nach, warum es die Umsatzziele nicht erreiche. Der Vertrieb beschwert sich indes, dass er den Kunden das Produkt nicht verkaufen könne. Die Kundenbetreuer wiederum beklagen sich, dass der Kunde das Produkt nicht wie gewünscht einsetzen könne - und der Support ärgert sich über zu viele Tickets, die über die Hotline eingestellt werden.

Einer, der alle versteht

Der Produktmanager ist derjenige, der das Problem identifizieren und unter Beteiligung aller lösen muss. "Oft ist die Ursache der angesprochenen Probleme nur eine fehlende kleine Funktionalität, die gemeinsam mit der Entwicklung diskutiert wird und alle zuvor angesprochenen Probleme der unterschiedlichen Abteilungen rasch löst", sagt Siegl.

Ohne den Produktmanager, der zwischen den Bereichen vermitteln kann, weil er sie versteht, würden sich die unterschiedlichen Bereiche oft gegenseitig zurückhalten. Der Produktmanager wirkt in diesem Fall wie das Schmieröl, das den Motor am Laufen hält, damit alle Rädchen optimal ineinandergreifen können. "Deshalb müssen wir Produktmanager gut kommunizieren und präsentieren können", sagt Siegl.

Während in langen Gesprächen mit Entwicklern bis auf die Code-Ebene hinab diskutiert wird, müssen für die Geschäftsführung Ergebnisse im Überblick kurz und kompakt dargestellt werden. "Ich stelle mich im Stundentakt auf ganz unterschiedliche Zielgruppen ein", erläutert Siegl.

Produktmanager haben Kunden, Konkurrenten, technologische Innovationen, Marktbedürfnisse und Marktsegmente im Blick. Als Marktexperte lösen sie mit Software Probleme, für deren Lösung jemand bereit ist zu zahlen. Die eigentliche Leistung des Produktmanagers besteht darin, dier Probleme der Kunden zu verstehen und dieses Verständnis in unterschiedliche Sprachen zu übersetzen. Erst dann können alle Beteiligten in derselben Richtung an der Problemlösung des Kunden arbeiten.

Diese Dolmetschertätigkeit ist deshalb so wichtig, damit nicht durch Missverständnisse und falsche Kommunikation unnötig Geld und Nerven vergeudet werden. Moderne Methoden wie Service Design Thinking helfen dabei, technische wie auch fachliche Sichtweisen zu vereinen und ein gemeinsames Verständnis über Problemstellung und Lösungsansatz zu erzielen.

Bei Ansprechpartnern mit unterschiedlichen Interessen ist klar, dass Produktmanager häufig zwischen gegensätzlichen Zielen vermitteln müssen. Schließlich hat der Vertrieb andere Interessen als die Entwicklung oder der Kunde.

"Ich muss dann Kompromisse finden", sagt Siegl. Oft hilft dabei, die fachlichen Argumente der einen Seite der anderen nachvollziehbar zu erklären. Mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun zu haben, aus verschiedenen Interessen mit viel Input und eigener Kreativität ein Produkt auf den Markt zu bringen und es dort über seinen gesamten Lebenszyklus erfolgreich zu halten, das gefällt Siegl an seinem Job als IT-Produktmanager.

An der Fakultät Informatik an der Hochschule Furtwangen gibt es dafür sogar einen entsprechenden Studiengang. Professor Steffen Thiel ist der Studiendekan des Bachelor-Studiengangs IT-Produktmanagement, der in den Vertiefungsrichtungen Softwareprozesse und Sozioinformatik angeboten wird. "In der Sozioinformatik geht es darum, wie Produkte die Gesellschaft verändern und umgekehrt, zum Beispiel Onlinebanking", sagt Thiel.

Sozioinformatik: Überdurchschnittlich viele Frauen

Etwa 65 Absolventen schließen jährlich ihre Ausbildung in Furtwangen ab, ein Viertel davon sind Frauen. "Das ist ein hoher Wert in der Informatik und liegt wohl an den vielschichtigen Ausbildungsinhalten", meint der Professor. Die wenigen Absolventen reichen bei weitem nicht aus, um den Bedarf an IT-Produktmanagern zu decken. Viele entwickeln sich in die Funktion hinein, vom Entwickler zum Projektleiter und daraufhin zum Manager eines IT-Produkts.

"In großen Unternehmen ist deren Rolle klar und fest definiert. In kleinen Betrieben ist das Produktmanagement eine Aufgabe von mehreren, etwa dem Vertrieb", sagt Thiel. Diese IT-Produktmanager sind dann Vertreter und gleichzeitig auch Verkäufer ihres Produkts.

Stefan Siegl vertritt sein Produkt, aber er verkauft es nicht. Das machen die Kollegen aus dem Vertrieb. Sein Vorgesetzter ist der Vice President Products, Patrick Büch. Büch ist ein erfahrener Produktmanager und seit 20 Jahren im Geschäft. Zunächst bei IDS Scheer, dann bei der Software AG. Seit sechs Jahren ist er bei FNT für das strategische Produktmanagement verantwortlich.

"Ich habe sieben Produktmanager im Team, von denen jeder einzelne Produkte betreut. Ich gestalte das Produktportfolio", sagt Büch. Ein guter Produktmanager ist für ihn jemand, der intrinsisch motiviert, pragmatisch im Vorgehen, methodisch stark und in seiner Persönlichkeit ein Allrounder ist. Büch ist wie Siegl Produktmanager, allerdings in einer anderen Rolle.

Patrick Büch ist als Vice President Products vor allem für die längerfristige Strategie zuständig. (Bild: FNT)

Patrick Büch ist als Vice President Products vor allem für die längerfristige Strategie zuständig. (Bild: FNT)

Ein Beispiel: FNT wandelt sich gerade vom Produkt- zum Lösungsanbieter, stellt sein Geschäft auf Software as a Service (Saas) um. Kunden kaufen also keine Lizenzen für die lokale Nutzung von Software mehr, sondern nutzen Anwendungen und IT-Infrastruktur bei einem externen Dienstleister als Dienstleistung aus der Cloud.

Für Siegl und die anderen Produktmanager heißt das, dass sie stärker lösungsorientiert und integrativ arbeiten müssen, weil sie für eine Lösung verschiedene Produkte brauchen. "Ich sorge dafür, dass alle Produktmanager in dieselbe Richtung laufen", sagt Büch. Das bedeutet auch, dass in den Produkten Prioritäten für Saas entwickelt werden und das Produktmanagement darauf ausgerichtet wird.

Die Mitglieder seines Teams haben verschiedene Stärken und Schwächen, teilen aber die Begeisterung für ihre Produkte. Die ist unerlässlich für den Job. Fachliches, wie die neue Rolle als Lösungsanbieter, kann man schulen - Leidenschaft nicht.

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