IT-Jobs: Sechs Warnsignale bei Bewerbungsgesprächen

IT-Jobs: Sechs Warnsignale bei Bewerbungsgesprächen | Golem Karrierewelt

(Bild: Pixabay)

Von Uduak Obong-Eren veröffentlicht am 

Schlechte Vorbereitung, Desinteresse, Druck: Wenn schon das Bewerbungsgespräch so läuft, ist der Job selbst womöglich auch nicht so toll.

Dieser Text ist eine Übersetzung. Das Original des Softwareentwicklers Uduak Obong-Eren ist hier erschienen.

Irgendwann zwischen Januar und März 2020 wollte ich den Job wechseln und war auf der Suche nach einem neuen Unternehmen. Ich ließ mich auf einen Bewerbungsgespräche-Marathon ein mit insgesamt mehr als 60 fachlichen Gesprächen in 30 Tagen.

Dabei machte ich interessante Erfahrungen mit vielen Unternehmen - jedes mit seiner einzigartigen Kultur und seinen Werten, die sich oft in der Art widerspiegelten, wie die Gespräche geführt wurden - ob das nun so beabsichtigt war oder nicht. Dabei habe ich einige Warnsignale ausgemacht, aber dazu gleich mehr.

Zunächst kurz: Ich werde keine Namen von Unternehmen nennen, weil das nicht die Intention dieses Artikels ist. Es ist auch nicht das Ziel, Sie paranoid zu machen, so dass Sie bei Ihrem nächsten Vorstellungsgespräch auf eine krampfhafte Suche nach diesen Warnsignalen gehen - im Gegenteil.

Das Ziel ist vielmehr, Sie mit einem gewissen Vorwissen auszustatten, das Ihnen hilft, meine oder ähnliche Warnsignale bei Ihrem nächsten Vorstellungsgespräch sofort zu erkennen, so dass Sie hoffentlich besser mit ihnen umgehen können. Auch wenn meine Beispiele aus fachlichen IT-Bewerbungsgesprächen stammen, gelten die Warnsignale nicht nur dafür, sondern für alle Arten von Vorstellungsgesprächen.

1. Ihr Gesprächspartner ist nur für eine Lösung des Problems offen

In der Welt der Informatik und im Leben allgemein gibt es für ein bestimmtes Problem in der Regel mehr als eine Lösung. Wenn Sie zum Beispiel ein Sortierproblem haben, können Sie es mit einem Mergesort- oder einem Heapsort-Algorithmus lösen. Die große Zahl an Möglichkeiten macht das Ganze erst interessant - und die allgemeine Erwartung an Vorstellungsgespräche in der IT ist, dass Ihr Gesprächspartner offen genug ist, Sie ein Problem mit Ihrer bevorzugten Technik lösen zu lassen.

Ich hatte ein Vorstellungsgespräch, in dem mein Gesprächspartner mich bat, ein algorithmisches Problem zu lösen. Ich hatte gerade begonnen, das Problem mit einer bestimmten Technik anzugehen, als mein Gesprächspartner mich stoppte und bat, eine andere Technik zu verwenden. Als ich fragte warum, stellte sich heraus, dass der Grund nicht war, dass er mein Wissen über diese zweite Technik testen wollte - sondern, dass er sich mit seinem Ansatz wohler fühlte.

Wenn der Gesprächspartner Ihr Wissen über etwas Bestimmtes testen möchte, sehe ich das ein. Zum Beispiel kann Ihr Gesprächspartner Sie bei einem Problem, das mit Iteration und Rekursion gelöst werden kann, natürlich bitten, es rekursiv zu lösen, wenn er Ihr Wissen über Rekursion testen will. Das war hier aber nicht der Fall.

Am Ende verwendete ich beide Techniken und sprach über Vor- und Nachteile, aber ehrlich gesagt blieb ein negativer Eindruck. Vor allem, weil es sich bei meinem Gesprächspartner um meinen potenziellen Vorgesetzten handelte. Also jemanden, der die Entwicklung und den Verlauf meiner Karriere maßgeblich hätte beeinflussen können.

2. Unangemessener Druck auf Bewerber

Es ist aufregend und befriedigend, alle vorbereitenden Phasen eines Bewerbungsgespräches und dann das eigentliche Gespräch (remote oder persönlich) zu bestehen, und schließlich die E-Mail "Herzlichen Glückwunsch, wir freuen uns, Ihnen ein Angebot machen zu können" zu bekommen.
Die Freude ist aber nur von kurzer Dauer, wenn Ihr zukünftiger Arbeitgeber Druck ausübt, das Angebot anzunehmen. Wenn der Druck von jemandem aus der Personalabteilung oder dem Recruiter kommt, geht das vielleicht noch - aber wenn er vom einstellenden Manager kommt, kann das problematisch sein.Ich hatte diesen Fall, als ich mich bei einem Startup in Palo Alto beworben habe. Es war ein kleines Unternehmen. Ich hatte ein gutes Gespräch mit dem einstellenden Manager und ein noch besseres mit dem Vice President of Engineering, so dass ich wusste, dass sie mir den Job anbieten würden. Ich fragte, wie lange ich Zeit hätte, das Angebot anzunehmen, und die Antwort lautete: 72 Stunden.Der Angebotsbrief kam am Abend desselben Tages, und er las sich großartig. (Ein sechsstelliges Gehalt war definitiv kein schlechter Start.) Allerdings befand ich mich zu der Zeit auch in der Endphase von Gesprächen mit anderen Unternehmen. Zum Glück hatte ich ja genug Zeit, um zu verhandeln und das Angebot anzunehmen - zumindest dachte ich das.Dann fingen die Startup-Leute aber an, mich zu bedrängen. Der Personalchef und der VP riefen immer wieder an, ich bekam dauernd E-Mails, alles innerhalb der Bedenkzeit. Der Druck wurde so groß, dass ich das Angebot am Ende ablehnte.Ich lehnte es vor allem ab, weil ich mir überlegte, wie wohl die Arbeitskultur in einem solchen Unternehmen ist. Waren die Methoden, die das Unternehmen anwandte, um mich dazu zu bringen, das Angebot anzunehmen, bezeichnend dafür? Wie weit würden sie gehen, wenn es darum ging, ein Projekt fertig zu bekommen?Verstehen Sie mich nicht falsch: Klar, das Unternehmen möchte Sie einstellen, das Recruiting-Team möchte den Deal abschließen. Dennoch ist es sehr wichtig, darauf zu achten, wie sie das tun, ob sie dabei professionell bleiben.Die Werte eines Unternehmens gehen über das hinaus, was gesagt wird. Sie zeigen sich in dem, was sie tun und wie sie es tun.

3. Nicht genug Klarheit über Ihre Rolle

Einer der vielen Gründe, warum man in einem Unternehmen arbeitet, ist der Wunsch, eine sinnstiftende Arbeit zu haben. Ich hatte die Gelegenheit, bei einem US-Unternehmen mit Sitz in Boulder, Colorado, anzufangen. Es hatte eine Recruiting-Agentur beauftragt, eine Software-Entwickler-Stelle zu besetzen.

Der Einstellungsprozess begann mit einem Sondierungsgespräch mit der Recruiting-Agentur, gefolgt von einem zweiten Gespräch mit einem Recruiter des Unternehmens. In beiden Gesprächen konnte ich mir kein klares Bild von den Details meiner Arbeit machen - in welchem Team ich sein würde, an welchen Projekten ich arbeiten würde, wie der Karriereweg aussehen würde und so weiter.

Ich verstehe das, wenn Unternehmen gerade eine Umstrukturierung durchlaufen - aber das schien hier nicht der Fall zu sein. Es schien eher so, als ob die Firma sich darauf konzentrierte, ihren Personalbestand zu vervollständigen. Daran ist an sich nichts falsch. Aber kein klares Profil für eine ausgeschriebene Stelle zu haben, ist meiner Meinung durchaus falsch - und zwar aus diesen Gründen:

  • Es bedeutet, dass die Stelle wohl nicht entscheidend für das Kerngeschäft des Unternehmens ist, und
  • wenn die Rolle nicht so wichtig ist, kann diese Stelle bei Entlassungen betroffen sein.

Außerdem möchte ich nicht nur eine Nummer sein. Ich möchte an einem Ort arbeiten, an dem ich einen wertvollen Beitrag leisten kann - und ich kann mir vorstellen, dass Sie das vielleicht auch wollen. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich Klarheit über Ihre Rolle verschaffen - sowohl für Ihre jetzige Position als auch für Ihre zukünftige berufliche Entwicklung.

4. Geringe Motivation der Gesprächspartner

Wenn Sie sich für ein Unternehmen entscheiden, ist eines der Dinge, die Sie unbedingt beachten müssen, das Team, in dem Sie arbeiten werden. Mindestens 25 Prozent Ihrer wachen Zeit werden Sie damit verbringen, mit diesem Team zu interagieren, ob persönlich oder virtuell.
Vorstellungsgespräche bieten Ihnen die Möglichkeit, aus erster Hand zu erfahren, wie die Arbeit mit Ihren zukünftigen Teamkollegen aussehen wird - zumal Ihre Gesprächspartner, sofern Sie nicht bei einem großen Unternehmen vorsprechen, wahrscheinlich Ihre Teamkollegen werden.Wenn Sie während der verschiedenen Phasen des Vorstellungsgesprächs immer wieder mangelndes Interesse feststellen oder finden, dass Ihre Gesprächspartner unmotiviert wirken, sollten Sie stutzig werden.Als ich das während eines meiner Vorstellungsgespräche erlebte, merkte ich erstmal nur, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich konnte aber nicht genau sagen, was es war. Nach einigem Hin- und Herüberlegen entschied ich mich, meinem Bauchgefühl zu vertrauen und beendete den Kontakt mit dem Unternehmen.Zwei Monate später hatten zwei meiner Gesprächspartner (und potenziellen Teamkollegen) das Unternehmen verlassen und waren zu einer anderen Firma gegangen. (Nein, ich habe nicht gestalkt 🙄, ich habe nur auf Linkedin nachgesehen.)Damit will ich nicht sagen, dass es während des Vorstellungsgesprächs nicht ein oder zwei Leute geben kann, die wegen ihres vollen Terminkalenders gerade lieber etwas anderes machen würden. Wenn aber alle Gesprächspartner offensichtlich etwas anderes machen wollen, sollten Sie das unbedingt beachten.Mangelndes Interesse oder eine generelle Unlust könnten Hinweise darauf sein, dass
  • Ihre zukünftigen Teamkollegen möglicherweise unter einem Burnout leiden,
  • intern Unzufriedenheit mit dem Unternehmen herrscht - mit der Kultur, Richtlinien oder ähnliches
  • das Team nicht so sehr an Ihnen interessiert ist (autsch); vielleicht sehen sie Sie nicht als langfristigen Mitarbeiter.
Es könnte auch etwas anderes dahinterstecken. In jedem Fall sollten Sie dieses Warnsignal aber nicht ignorieren.

5. Ihre Gesprächspartner sind nicht vorbereitet

Waren Sie schon einmal in einem Vorstellungsgespräch, bei dem Ihr Gesprächspartner keine Fragen an Sie zu haben schien? Glauben Sie mir, das kann wirklich unangenehm werden.
Ich habe diese Erfahrung bei einem telefonischen Bewerbungsgespräch mit einem Unternehmen für Bildungstechnologie in Kalifornien gemacht. Mein Gesprächspartner war nicht vorbereitet und hatte keine Fragen parat. Er war sich nicht einmal sicher, wen er interviewt und für welche Stelle ich mich beworben habe. Es war keine angenehme Erfahrung.Ich weiß, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, warum Interviewer nicht auf ein Vorstellungsgespräch vorbereitet sein können:
  • keine gute Planung des HR/Recruiting-Teams
  • kurzfristige Terminänderungen
  • Die Person, die das Bewerbungsgespräch führt, hat eine Menge anderes zu tun oder
  • er oder sie ist einfach nicht vorbereitet.
Aufgrund dieses Warnsignals allein würde ich keine negativen Schlüsse ziehen, sondern zusätzlich auf andere Warnsignale achten und versuchen, ein Muster zu erkennen, bevor ich eine Entscheidung treffe.

6. Es fehlt eine klare Richtung, in die sich das Unternehmen bewegen möchte

Es ist erfüllend, Teil eines Unternehmens zu sein, das eine sinnvolle Arbeit leistet, die einen Mehrwert für die Kunden schafft. Wer bei einem solchen Unternehmen arbeiten möchte, will natürlich auch dazu beitragen, dass es seine Ziele erreicht. Das bedeutet aber auch, dass das Unternehmen Ziele haben muss. Oder?

Ich wurde von einem Startup mit Sitz in San Francisco über Angellist kontaktiert. Ich hatte ein erstes Gespräch mit einem Recruiter des Unternehmens, danach ein telefonisches, fachliches Bewerbungsgespräch.

In beiden Gesprächen gab es eine Menge Unklarheiten über die Ausrichtung und die Ziele des Unternehmens - und das, obwohl viel über das Unternehmen erzählt wurde. Ich erinnere mich daran, dass ich unter anderem fragte, wie man mit der wachsenden Konkurrenz umgehen würde. Leider waren die Antworten darauf offensichtlich nicht besonders gut. Die Firma wurde später von der Konkurrenz aufgekauft.

Bei einem Vorstellungsgespräch geht es nicht nur um Sie, Ihre Fähigkeiten und Ihre spezielle Erfahrung. Ebenso wichtig ist, dass das Unternehmen in der Lage ist, Ihnen seine Vision zu verkaufen und Ihnen zu vermitteln, was es zu erreichen hofft.

Wenn ich mich bei einem Unternehmen bewerbe, habe ich eigentlich schon vor, dort die nächsten zwei bis fünf Jahre zu arbeiten. Wenn aber meine Vision für meine berufliche Laufbahn nicht mit der Vision des Unternehmens übereinstimmt, ist das ein Missverhältnis, das nicht ignoriert werden sollte.

Fazit

Manchmal konzentrieren wir uns zu sehr darauf, den Job zu bekommen, für den wir uns beworben haben. Natürlich ist das wichtig. Genauso wichtig (oder sogar noch wichtiger) ist aber, einen erfüllenden Job zu haben. Für mich bedeutet Erfüllung, in ein Unternehmen zu kommen, das eine klare Vision hat, und das in einer Position, die für das Geschäft des Unternehmens entscheidend ist und Möglichkeiten der Weiterentwicklung bietet.

Ich hoffe, dass die Warnsignale, die ich Ihnen beschrieben habe, Sie in die Lage versetzen, bessere Entscheidungen zu treffen, bei welchen Unternehmen Sie arbeiten möchten. Ich würde generell nicht dazu raten, eine Entscheidung aufgrund von einem oder zwei dieser Signale zu treffen. Wenn Sie aber mehrere wahrnehmen, sollten Sie sie nicht ignorieren. Ich wünsche Ihnen das Beste auf Ihrem Karriereweg.

Wenn Sie jemals jemanden brauchen, der ein Probegespräch mit Ihnen führt, können Sie hier einen Termin vereinbaren oder mich direkt auf Twitter erreichen: @meekg33k.

Individuelle Unterstützung zu Themen rund um Job & Karriere gibt Shifoo, der Service von Golem.de - in 1:1-Videosessions für IT-Profis von IT-erfahrenen Coaches und Beratern.

Keine Lust auf Job-Suche? Lass Dich bei talent.io einfach von Firmen finden. 

Beliebte Fachgebiete in der Golem Akademie