IT-Jobs: Lohnt sich ein Master in Informatik überhaupt?

IT-Jobs: Lohnt sich ein Master in Informatik überhaupt? | Golem Karrierewelt

(Bild: Materna SE)

Von Peter Ilg veröffentlicht am 

Je höher der Bildungsabschluss, desto üppiger das Gehalt und desto besser die Karrierechancen. Diese alte Arbeitsmarktregel kommt in unserer modernen Arbeitswelt ins Wanken.

Mike Gösker hat sein Informatikstudium in einer Zeit begonnen, als einige Unis gerade eben von Diplom auf Bachelor und Master umgestellt hatten. "Ich bin im zweiten Jahrgang der neuen Bachelor-Studiengänge an der TU Dortmund gewesen", sagt der 31-Jährige.

Der Bachelor galt damals als Äquivalent zum Vordiplom, der Master als vergleichbar mit dem Diplom. Was die Unternehmen wollten, war unklar: Reichte ein Bachelor oder musste es ein Master sein?

Also machte Gösker beide Abschlüsse. Heute weiß er: "Der Job hat nichts mit der Art des Abschlusses zu tun." Zwar habe man mit dem Master mehr Möglichkeiten, weil eine breitere Auswahl an Tätigkeiten infrage komme. Jedoch kann die Frage, ob sich ein Master "lohnt", weil man nach den zwei Jahren zusätzlich auf jeden Fall mehr verdient und bessere Karrierechancen hat, nicht mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden.

Gehaltsunterschiede werden mit der Zeit kleiner

Bachelor und Master wurden vor rund 20 Jahren EU-weit eingeführt. In der norditalienischen Stadt Bologna beschlossen 1999 die Wissenschaftsminister von 29 europäischen Ländern, die Studienstrukturen in Europa anzugleichen. Eine der Maßnahmen war die Umstellung auf das zweistufige System von Abschlüssen, die etwa das Diplom ablösten. Ein Masterstudium dauert üblicherweise zwei Jahre und setzt einen Bachelorabschluss voraus. Masterabsolventen studieren also länger und lernen daher breiter und tiefer als Bachelorabsolventen.

Das zeigt sich zunächst auch beim Gehalt. Laut einer Auswertung von Einkommen in IT-Berufen des Gehaltportals gehalt.de steigen Bachelor-Absolventen mit 44.400 Euro im Jahr ins Berufsleben ein. Masterabsolventen bekommen rund 5.000 Euro mehr im Jahr.

Mike Gösker hat einen Master-Abschluss, weiß aber nicht, ob er ihn für seine Karriere unbedingt gebraucht hätte. (Bild: Materna SE)

Mike Gösker hat einen Master-Abschluss, weiß aber nicht, ob er ihn für seine Karriere unbedingt gebraucht hätte. (Bild: Materna SE)

Über das gesamte Berufsleben schwindet diese Differenz jedoch. Das gesamte Lebenseinkommen einer IT-Fachkraft mit Masterabschluss beträgt rund drei Millionen Euro, das sind 150.000 Euro mehr, als der Kollege mit Bachelor verdient. Eigentlich wäre zu erwarten, dass die Differenz größer ist und der höhere Bildungsabschluss sich deutlicher rechnet. Dem ist aber nicht so.

Felix Frankemöller hat Jahre nach Gösker ebenfalls an der TU Dortmund ein Studium der Elektrotechnik angefangen. Nach drei Semestern wechselte er an die FH Dortmund, um dort Informations- und Kommunikationstechnik zu studieren.

"Ich habe mein Abitur an einem Gymnasium gemacht und dort wird einem eingetrichtert, dass man anschließend an einer Universität studieren soll, denn die Fachhochschule sei etwas für Leute ohne richtiges Abitur wie der Fachhochschulreife zum Beispiel", sagt der 25-Jährige. Er hätte sich besser informieren sollen, weiß er heute, denn die Meinung seiner Gymnasiallehrer stimmte nicht.

"Die Uni hat mir keinen Spaß gemacht, weil tiefe Theorie vermittelt wurde. Das FH-Studium mit seinem starken Praxisbezug passt besser zu mir." Zurzeit schreibt Frankemöller an seiner Bachelorarbeit und hat seit einem guten Jahr parallel einen Vollzeitjob.

Frankemöller ist damit ein typisches Beispiel, denn FH-Absolventen verlassen überwiegend mit dem Bachelor-Abschluss die Hochschule, Uni-Studenten hängen meist und direkt einen Master an. "Geschätzt 90 Prozent der Bachelor-Absolventen an Unis entscheiden sich für die Aufnahme eines Masterstudiums direkt im Anschluss. An Fachhochschulen ist die Masterübergangsquote mit etwa 40 Prozent deutlich niedriger, wenngleich sie zuletzt leicht gestiegen ist", sagt Rolf Kellersohn, stellvertretender Pressesprecher der Hochschulrektorenkonferenz.

Warum ist das so?

Christian Koot, Studiendekan in mehreren Studiengängen an der Hochschule Aalen, darunter in Wirtschaftsinformatik, hat zwar keine harten Zahlen für seine Erklärung, aber naheliegende Vermutungen. Er nennt drei Gründe, weshalb FH-Absolventen eher arbeiten gehen als einen Masterabschluss zu machen.

Fachkräftemangel macht den Abschluss noch unwichtiger

"Erstens ist das Studium an Fachhochschulen praxisnaher als an Universitäten, die FH-Studenten deshalb nach dem Bachelor eher praxisfit als Uni-Studenten", sagt Koot. Zweitens zögen FHs Studierende an, die eine klare Vorstellung von einem schnellen Berufseinstieg haben. Und drittens bestehe eine starke Nachfrage nach IT-Fachkräften, weshalb Unternehmen Bachelor-Absolventen mit lukrativen und interessanten Jobs in die Arbeitswelt lockten - wenngleich es in der aktuellen Pandemiesituation auch eine gewisse Zurückhaltung bei den Arbeitgebern gebe.

Beim Berufseinstieg sei der Abschluss ohnehin zweitrangig, sagt Koot weiter. Das haben auch Mike Gösker und Felix Frankemöller so erlebt.

Beide arbeiten bei Materna in Dortmund. Gösker ist Softwareentwickler und -architekt, Frankemöller Consultant im Geschäftsbereich IT-Service-Management. Der IT-Dienstleister Materna hat weltweit rund 2.300 Mitarbeiter, davon haben rund 80 Prozent einen akademischen Titel.

Das Unternehmen kennt sich mit unterschiedlichen Studienabschlüssen also gut aus. "Bei uns sind Informatiker mit Bachelorabschluss an einer FH genauso willkommen wie Uni-Absolventen mit Master", sagt Thomas Kilian, Teamleiter Recruiting bei Materna.

Thomas Kilian ist Teamleiter Recruiting bei Materna. Er sagt, dass es für den Berufseinstieg meist keinen Unterschied macht, welchen Abschluss Computerfachleute haben. (Bild: Materna SE)

Thomas Kilian ist Teamleiter Recruiting bei Materna. Er sagt, dass es für den Berufseinstieg meist keinen Unterschied macht, welchen Abschluss Computerfachleute haben. (Bild: Materna SE)

In den ersten drei bis vier Jahren macht es seinen Angaben zufolge in der beruflichen Karriere keinen Unterschied, welchen Abschluss ein Informatiker hat. "Später schon - und in den Karrierechancen danach liegt der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Gruppen."

So wird Softwarearchitekt bei Materna nur, wer einen Master hat. Denn zwei weitere Jahre wissenschaftliches Studium für diese Qualifikation helfen enorm in einem Job, der ein hohes Maß an Abstraktionsvermögen voraussetzt.

Die gleiche hohe Qualifikation brauchen in dem Dortmunder Unternehmen Mitarbeiter im technischen Projektmanagement. "Für die Anwendungsentwicklung reicht ein Bachelor", sagt Kilian. Die Vorstellung vom eigenen Berufsleben ist daher ein wesentlicher Faktor bei der Wahl des Studienabschlusses.

Felix Frankemöller fühlt sich als Bachelorstudent für seine Arbeit ausreichend ausgebildet. Einige seiner Kollegen haben einen höheren Abschluss, machen aber die gleiche Arbeit wie er.

Anfangs hatte auch er das Ziel, den Master zu machen. Nach seinem Wechsel an die FH bekam er aber schon gegen Ende seines Bachelorstudiums einen interessanten Job. Das spricht seiner Meinung nach dafür, dass der Bachelor reicht.

"Letztendlich ist die höhere Qualifikation eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung", sagt Frankemöller. Sie führt bei ihm zu der klaren Aussage: "Ein Master bringt in meinem Job keine Vorteile." Aktuell ist das Thema bei ihm abgehakt.

"Ich bin nicht sicher, ob der Master nötig war"

Mike Gösker bereut seinen Master nicht, zumal das Studium für ihn eine schöne Zeit war. "Aus beruflichen Gründen bin ich mir heute aber nicht mehr sicher, ob dieser höhere Abschluss notwendig ist."

In seinem Job ist er keine Voraussetzung. Kollegen in seiner Abteilung machen die gleiche Arbeit wie er, mit einer abgeschlossenen IT-Ausbildung, einem Bachelor in Informatik oder sind sogar Fachfremde, etwa Mathematiker.

Heute weiß Gösker, was er als Student damals nicht wusste: "Ein Bachelor ist mehr als ein Vordiplom, nämlich ein offiziell anerkannter Berufsabschluss." So steht es übrigens auch in der Bologna-Erklärung: nämlich, dass es in dem zweistufigen System von Studienabschlüssen einen ersten, berufsqualifizierenden Studienabschnitt von mindestens drei Jahren geben soll. Das ist der Bachelor - und der scheint nun die Bedeutung erlangt zu haben, für die er gedacht ist.

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